Was ist eigentlich los mit dir, Deutschland?

Was ist eigentlich los mit dir, Deutschland?

Raphael war auf unserer letzten Veranstaltung im Raumfänger und teilt mit Euch seine Eindrücke:

Donnerstagabend 20 Uhr – Ich stehe in Kirchheim auf dem Kerweplatz vor dem Raumfänger.

Es geht heute um die Konfliktlinie „Online- Offline“, eingeladen sind zwei Journalistinnen, Lisa Altmaier und Steffi Fitz, von „Crowdspondent- deine Reporter“.

Noch weiß ich noch nicht einmal warum Crowdspondent Crowdspondent heißt. Das ändert sich bald, denn die beiden erzählen, dass sie sich als Korrespondentinnen der Crowd, also den Leser*innen und Zuschauer*innen verstehen. Die geben Feedback und schicken Rechercheideen – Lisa und Steffi setzen diese dann um. Inhaltlich besetzen die beiden vor allem Themen, die ihrer Meinung nach in anderen Medien unterrepräsentiert sind. Aktuell beschäftigen sie sich beispielsweise mit der Frage „Wie geht es Griechenland heute?“.

Der Eindruck, dass es sich um einen reinen Vortrag handeln werde, verflog schon nach den ersten paar Minuten, als die Ersten anfingen, Zwischenfragen zu stellen – und schon bevor eine Frage vollständig  beantwortet war, meldeten sich die nächsten zwei Stunden schon die nächsten, nur unterbrochen von einem kurzen Video, in dem wir Ausschnitte ihrer Arbeit sahen. Nicht vergleichbar mit dem fast rhetorischen „Noch Fragen?“ am Ende vieler anderer Uni-Veranstaltungen.

Besonders viele Fragen drehten sich um das Thema „Hasskommentare“. Die beiden beantworteten nämlich nicht nur alle unserer Fragen, sondern versuchen das auch bei jedem Kommentar unter jedem Video und jedem Post. So wird auch auf stumpfe Beleidigungen eingegangen. Nur Kommentare, die in Kategorien wie Morddrohungen oder Volksverhetzung fallen, werden gelöscht.

Überrascht hat mich, dass es tatsächlich etwas bringt, auf Hasskommentare einzugehen. Angesprochen auf die Beleidigungen, entschuldigten sich die Urheber erstaunlich oft und äußerten oft konstruktive Kritik. Ein Grund dafür könne sein, dass viele Hasskommentar-Autoren nicht mehr den oder die Journalist*in hinter dem Artikel sehen. Sie fühlen sich oft ungehört und einer scheinbar übermächtigen Institution gegenüber, auf die sie ihre ganze Unzufriedenheit projizierten.

Ob man denn auch als unbeteiligte*r Leser*in auf Hasskommentare eingehen dürfe? So mache es doch einen größeren Eindruck, wenn die Journalistinnen selbst antworteten, so der berechtigte Einwand. Man dürfe es nicht nur, es sei sogar sehr wichtig, gerade Beleidigungen nicht nur so da stehen zu lassen. Denn je öfter solche Kommentare unbeantwortet blieben, desto mehr vermehrten sie sich.
Aber wie geht man damit um wenn man im Netz immer wieder beleidigt wird? „Gewöhnung“ , so das resignierte Stichwort. Ertrage man die ersten 100-200 Kommentare, würden zukünftige nicht mehr so persönlich genommen. Dass das keine Lösung sein kann, ist auch klar.

Irgendwann dann natürlich die Frage auf, „ob man denn davon leben könne“? „Nein“ – so die entschiedene Antwort – die Idee war, zu 70% in anderen Jobs zu arbeiten und 30% der Arbeitszeit in Crowdspondent zu investieren. Die Realität zeige allerdings eher ein Bild vom 100% in anderen Jobs und zusätzlich 50% bei Crowdspondent. Fahrtkosten und Equipment finanzieren die beiden durch ein jährliches Crowdfunding. So können sie auch die Unabhängigkeit von Crowdspondent sicher stellen. Würden sie nur noch an ihrem Projekt arbeiten und sich selbst auch darüber finanzieren, bestünde die Gefahr, dass das Projekt aus Kostengründen irgendwann beendet werden müsste.

Auf einmal ist dann doch schon 21:45, gefühlt hat die Veranstaltung gerade erst angefangen, doch die deutsche Nachtruheregelung läutet so langsam das Ende des Abends ein.

Ich nehme mit: Crowdspondent ist ein tolles Projekt – Hasskommentare nicht.
Ich werde mich zukünftig öfters in den Kommentarspalten des Internets einbringen, um Hasskommentare nicht unbeantwortet zu lassen, um zu zeigen, dass nicht nur Trolle im Netz unterwegs sind. Aber ich frage mich jetzt auch:

Was ist eigentlich los mit dir, Deutschland?

Von Raphael Wankelmuth

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