Die reichsten 5% siehst du nicht Fahrrad fahren

Die reichsten 5% siehst du nicht Fahrrad fahren

Die Schere zwischen Arm und Reich. Das ist das erste, was mir zu dem Veranstaltungstitel „Refeudalisierung unserer Gesellschaft überwinden!“ einfällt. Es ist Donnerstag, 19 Uhr und im Hörsaal sechs der Neuen Uni ist es unglaublich warm. Ich lasse meinen Blick schweifen. Im Gegensatz zur letzten Veranstaltung zu Sexismus und der #metoo-Debatte sind heute mehr Männer anwesend und auch der Altersdurchschnitt ist deutlich höher.

Der Vortrag beginnt. Was ist Refeudalisierung? Was haben Wirtschaftseliten damit zu tun? Was bedeutet das für die Kommunikation zwischen armen und reichen Menschen? Diese Fragen möchte Prof. Dr. Höschele beantworten. Der Geografieprofessor hat vor einigen Jahren eine These aufgestellt: „Alles Ständische und Stehende verfestigt sich inmitten rasenden Stillstands.“ Damit meint er, dass die Bedeutung ererbten und leistungslosen Vermögens und Einkommens zunehme. Wir würden in einer Privilegiengesellschaft leben, in der Wohlstand nicht erwirtschaftet, sondern vererbt würde. Dies führe zu der Entfremdung der Lebenswelten von Armen und Reichen, in deren Folge Kommunikation zwischen Armen und Reichen nicht mehr zustande kommen würde.

Als Lösung schlägt Pof. Dr. Höschele den selbstbestimmten Gemeinwohldienst vor. Hierbei sollen alle Menschen mit einer Arbeitsberechtigung die Möglichkeit bekommen bis zu 30 Stunden in der Woche für 12,50 Euro die Stunde gemeinnützige Arbeit zu verrichten. So hätten Arbeitnehmer*innen eine Alternative zu schlecht bezahlten Jobs, könnten Arbeitgeber*innen unter Druck setzten und langfristig ein höheres Gehalt erreichen.

Zustimmung aus dem Publikum, aber auch Zweifel: Wie kann der Gemeinwohldienst umgesetzt werden? Was ist mit Menschen, die weniger leisten als andere? Auch ich habe meine Zweifel: Verschieben Konzepte wie der Gemeinwohldienst oder die Gemeinwohlökonomie das Problem von der staatlichen auf die individuelle Ebene und nehmen so die Regierung aus der Verantwortung?

Wie wirkt sich die räumliche Trennung von Armen und Reichen auf deren Kommunikation aus? In Deutschland sei die Situation nicht so dramatisch wie in den USA, meint Höschele. Wo Menschen ihr Haus verlassen müssen, um beispielsweise zur Arbeit zu kommen, sei Kontakt möglich. Beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße. „Die reichsten 5% siehst du auch nicht Fahrrad fahren“, murmelt ein Mann im kariertem Hemd aus der Reihe vor mir.

Wir seien an einem Punkt, an dem sich etwas ändern muss. Darüber besteht Einigkeit im Hörsaal sechs. Auch darüber, dass das bestehende System nur aus sich heraus verändert werden könne. „Der gedankliche Umschwung muss von unten kommen“, merkt ein Besucher an. Zustimmendes Nicken. Dabei haben wir nicht geklärt, ob der Kapitalismus durch ein anderes Wirtschaftssystem ersetzt werden und wie diese Alternative aussehen soll. Reden wir überhaupt über das Selbe? Auch die Frage, ob das bedingungslose Grundeinkommen eine Alternative darstellt, bleibt in Anbetracht der Zeit unbeantwortet.

Wir verlegen die Veranstaltung in den Marstallhof. Bei Bier und Wein nimmt die Diskussion richtig Fahrt auf. Es geht um das große Ganze. Darum, ob Demokratie effektiv genug ist und das Parlament die Bevölkerung angemessen vertritt. Neben Entschlossenheit und Euphorie höre ich auch Frust heraus: über die Politik, den Kapitalismus, das System. So einfach lassen sich die Probleme einer komplexen Welt nicht auf drei Begriffe herunterbrechen, denke ich. Unser politisches System sei nicht demokratisch genug, „die da oben“ würden Politik für die Wirtschaft machen. Direkte Demokratie sei die Lösung, wirft einer der Besucher ein. Es muss schon eine ganze Weile her sein, dass ich meine schützende Blase verlassen und mich mit einer Person unterhalten habe, die nicht meiner Meinung ist. Ansonsten würde es mir leichter fallen mein Gegenüber davon zu überzeugen, dass einfache Mehrheitsentscheidungen auch problematisch sein können.

Glücklicherweise springt mir einer der Jüngeren aus der Runde zur Seite und argumentiert, dass nicht alle Fragen mit ja oder nein beantwortet werden könnten, es handle sich nicht immer um „dichotome Entscheidungen“. Dichotom. Das ist auch wieder einer dieser bildungssprachlichen Begriffe, die nicht alle verstehen. Auch ich konnte mit dem Begriff nichts anfangen bis ich an die Uni kam. Das bringt mich auf einen Gedanken: unser Wirtschaftssystem ist deshalb so schwer zu durchblicken, weil die Ökonomie komplizierte Begriffe und Modellrechnungen nutzt, mit denen ein Laie nichts anfangen kann. Vielleicht liegt die Lösung darin, Wirtschaft transparenter und demokratischer zu gestalten. Vielleicht bildet die Sprache dabei den Anfang. Ich bin wieder positiver gestimmt und mische mich wieder in die Diskussion ein: „Der beste Weg ist anfangen.“

Im nächsten Moment frage ich mich, ob wir überhaupt repräsentativ sind. Sind wir in der Position darüber zu entscheiden, was gut für die Gesellschaft ist, in der wir leben? Vielleicht nehmen wir uns wichtiger als wir sind, weil uns unser Umfeld suggeriert, wir würden in der Wahrheit leben. Vielleicht besteht allgemeiner Konsens darüber, dass unser Wirtschaftssystem funktioniert und gut ist. Vielleicht sehen wir diese Einigkeit nur nicht, weil wir uns in den selben Kreisen bewegen, dieselben Gespräche führen uns immer wieder in unserem Weltbild bestätigt fühlen. Oder aber wir möchten diese nicht sehen und gehen Diskussionen absichtlich aus dem Weg.

Dann beginnt es zu donnern, ein Gewitter bahnt sich an. Langsam löst sich die Gruppe auf.
Auf dem Weg nach Hause schleicht sich bei mir ein seltsames Gefühl ein. Eine Mischung aus Tatendrang, Überforderung und Resignation. Selbst wenn wir uns manchmal machtlos fühlen, sind wir nicht allein. Sich das in Erinnerung zu rufen ist für mich die wichtigste Erkenntnis des Abends. Unser Gespräch hat mir gezeigt, dass es darauf ankommt, ins Gespräch zu kommen, für Ungerechtigkeit zu sensibilisieren, Unmut über die bestehende Wirtschaftsordnung zu artikulieren und sich Gehör zu verschaffen. Mit dieser Erkenntnis bin ich wieder am Anfang des Abends angekommen: bei der Kommunikation.

Von Eylül Tufan

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