Was bedeutet Weiblichkeit*Männlichkeit?

Was bedeutet Weiblichkeit*Männlichkeit?

Wie „weiblich“ und wie „männlich“ bist du? Auf diese Frage eine Antwort frei von Stereotypen zu geben, ist gar nicht so einfach, wie wir im Dialog mit Euch bei unserer Veranstaltung in und vor dem Raumfänger auf dem Bunßenplatz gemerkt haben.

Die Frage scheint zunächst eine einfache zu sein, und doch gerieten die meisten von uns nach kürzester Zeit ins Stocken. Gibt es denn überhaupt Eigenschaften, die per se einem Geschlecht zugeordnet werden können? Und wenn ja, welchem denn? Können letztlich nicht doch alle äußeren wie inneren Merkmale Frauen wie Männern und allen dazwischen zugeschrieben und die Kategorien daher direkt in die Tonne gekloppt werden? Ganz so leicht wollten wir es uns aber nicht machen.

Sicherlich gibt es unter studierenden jungen Menschen bereits einige, die Geschlechterrollen als überkommen und einengend empfinden und sich daher bewusst außerhalb jener vorgefertigten Grenzen bewegen oder sich dies zumindest wünschen. Unser Ziel war es jedoch, mit Personen außerhalb jener „Blase“, mit Menschen aus anderen Generationen und mit anderen Sichtweisen ins Gespräch zu treten, insbesondere mit jenen, die sich die Frage nach der Bedeutung der Kategorie Geschlecht womöglich noch nie gestellt haben.

 

Die Atmosphäre und Stimmung auf dem Bunßenplatz war daher eine sehr offene und so verirrten sich die unterschiedlichsten Menschen vor und in unseren Raumfänger. Von älteren Herren über Studierende bis hin zu Familien mit kleinen Kindern. Und alle wurden zu Beginn vor die Frage gestellt: wie „männlich“ und wie „weiblich“ bist du? Es war äußerst spannend und bereichernd die unterschiedlichen Standpunkte im Gespräch miteinander zu teilen und an unserer Installation aus Holzpfählen, gespannten Schnüren und Wäscheklammern zu visualisieren. Hierbei entstand ein buntes Bild verschiedener Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, in welchem sich sicherlich auch das eine oder andere Klischee wiederfand, gleichzeitig jedoch auch Begriffe, die den Stereotyp bewusst durchbrechen wollten. So fanden sich „lange Haare“ und „lackierte Nägel“ auf der Seite der Weiblichkeit, gleichzeitig jedoch auch „Emotionalität“ auf der Seite der Männlichkeit. Und in der Diskussion hat letztlich niemand bestritten, dass auch eine Person, die sich als Mann identifiziert, durchaus lange Haare tragen und wenn sie dies wünscht, sich die Fingernägel lackieren kann, ohne dabei mit ihrer Geschlechtsidentität in Widerspruch geraten zu müssen. Es wurde also deutlich, dass all die Zuordnungen uns zwar manchmal Orientierung geben, letztlich aber sehr individuell sind und es, wenn wir genauer darüber nachdenken, weder Merkmale gibt, die ein Mensch erfüllen muss, um einer bestimmten Geschlechteridentität gerecht zu werden, noch solche, die im Widerspruch zu dieser stehen.

 

 In entspannter Runde entwickelte sich außerdem eine spannende und vielschichtige Diskussion, welche männliche und weibliche, junge und alte Perspektiven widerspiegelte und dabei die verschiedensten Themen umkreiste. So ging es um die althergebrachten und doch immer noch existenten Rollenmuster innerhalb heterosexueller Partnerschaften, insbesondere um Mutter- und Vaterschaft und die manchmal auch benachteiligte Rolle von Vätern in der Erziehung, welche zu einer letztlich von beiden Seiten unerwünschten klassischen Rollenverteilung führt, in der die Mutter für alle Fürsorglich- und Zärtlichkeiten verantwortlich zu sein scheint und Vätern die emotionale Nähe zu ihren Kindern erschwert wird. Außerdem ging es um mit bestimmten Eigenschaften oder Verhalten einhergehende Spekulationen oder Erwartungen an die sexuelle Orientierung einer Person, die Verknüpfung jeglicher gleichgeschlechtlicher Zuneigungsbekundung unter Männern mit „unmännlichem“ Verhalten bei gleichzeitiger Objektivierung und Sexualisierung jenes Verhaltens, wenn es zwischen zwei Frauen stattfindet. Und und und.

 

Natürlich konnte im Austausch nicht immer ein Konsens oder gar eine Lösung für die Vielzahl an mit der Kategorisierung „Geschlecht“ einhergehenden Probleme gefunden werden, doch es war gewinnbringend, all jene Probeme zutage zu befördern und dabei nicht nur die Meinungen von jungen Student*innen zu hören, sondern auch all die anderen Stimmen, die unseren Blick auf das Thema nur weiten und dazu beitragen können, dass wir uns alle ein differenziertes und individuelles Bild davon machen können, was oder ob es für uns überhaupt etwas bedeutet, eine „Frau“, ein „Mann“ oder einfach nur ein „Mensch“ zu sein, welche Eigenschaften auch immer damit einhergehen mögen.

Von Hannah Niemeyer

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