Von Speeddatingerfahrungen und der Insel des innersten Ichs – Teil I

Von Speeddatingerfahrungen und der Insel des innersten Ichs – Teil I

Wer am letzten Donnerstag über den Universitätsplatz schlenderte, der staunte nicht schlecht. Etliche Tische mit jeweils zwei Stühlen und der Raumfänger weckten die Neugier vieler Passanten. Während beim Demokratie-Speeddating mit Dr. Stefan Junker fremde Menschen über gesellschaftspolitische Themen ins Gespräch kamen, widmete sich der Raumfänger dem Thema Identität: Wer bin Ich? Wer sind Wir? Und von wem grenze Ich mich ab? Eine Teilnehmende schildert ihre Eindrücke beim Speeddating und unser Team erzählt von der Konzeption des Raumfängers.

„Was ist das hier? Was kann man hier machen?“, fragt mich ein Grundschüler mit tropfendem Eis in der Hand.
Noch bevor ich antworten kann begutachtet er die Virtual Reality Brille und wagt einen Blick in die schwarz eingehüllte Kabine in der Mitte des Raums.
Gar nicht so einfach seine Frage in einem Satz zu beantworten. Denn die Konfliktlinie, zu der wir am 12.07. den Raumfänger gestalteten, ist weder plakativ, noch besonders selbsterklärend und trotzdem relevant im Leben eines jeden: Ich versus Wir.
„Probier die Stationen doch einfach mal aus. Es geht darum wer wir eigentlich sind, was uns verbindet und was uns trennt.“, ist meine Antwort.
Was das Verhältnis zwischen Wir und Ich so schwierig macht, ist, dass nicht zwei gesellschaftliche Gruppen aufeinandertreffen, sondern jedes einzelne Individuum und ein Wir, was je nach Person variiert. Sprechen wir vom Wir als der gesamten Gesellschaft, so kann noch viel generalisiert werden. Doch sobald sich das Wir auf eine Gruppe beschränkt, zu der sich das Individuum zugehörig fühlt, wird das Thema zu einer Frage der Identität. Bei der Planung wurde uns bewusst, dass sich der Konflikt in fast jeder der bisherigen Konfliktlinien wieder findet: Politische Gesinnung, Alter oder sozioökonomischer Status bestimmen, wem wir uns verbunden fühlen und wie wir kommunizieren. Menschen entwickeln ihre Identität schließlich in einem Wechselspiel von Dazugehören und Abgrenzen. So wurde bald deutlich, dass auch die Kategorie des „Ihr“ eine wichtige Rolle spielt.

All diese theoretischen Überlegungen, versuchten wir in verschiedenen interaktiven Stationen im Raumfänger zu repräsentieren und dabei möglichst wenige Antworten geben, sondern Fragen zu stellen und zur Reflexion und zum Nachdenken einzuladen.

„Schnapp dir drei Klebepunkte und ordne dich den drei zentralen Attributen deiner Identität zu“, war beispielsweise an der ersten Station zu lesen. Die interaktive Mindmap füllte sich im Laufe der Zeit mit verschiedensten Worten: Deutsche*r, Vegetarier*in, Mutter, Landkind, Mensch, Sportler*in. Während manche Menschen sich nur auf geografische Elemente festlegten, definierten sich andere vor allem über ihre sozialen Rollen oder ihr Konsumverhalten. Da wir häufig von der eigenen Person auf andere Menschen schließen, erscheint es umso nötiger aktiv über Selbst- und Fremdwahrnehmung ins Gespräch zu kommen: „Krass, du siehst dich als Europäerin? Mir geht es da ganz anders“ oder „Ich wusste gar nicht, dass du Geschwister hast“ hörte man da zwischen eigentlich einander Bekannten.

Ein weiterer Blickfang war unsere „Insel des innersten Ichs“ – eine schwarz verhüllte Kabine auf deren Innenwand persönliche Fragen notiert waren und zu der immer nur eine Person Zutritt hatte. Die Fragen beantworten oder aber nur die bisherigen Antworten lesen? Das war jedem selbst überlassen. Mittels der Anonymität hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit indirekt über tabuisierte Themen zu kommunizieren. Gesellschaftliche Konventionen schreiben häufig vor, über was öffentlich geredet wird und worüber nicht. Häufig liegen aber genau in tabuisierten Themen generations-, kultur- und milieuübergreifende Gemeinsamkeiten. Auf die Frage „Was machst du nur wenn du allein bist?“ antwortete ein Teilnehmer „Nackt vor dem Spiegel stehen“, ein anderer „Masturbieren“. Um die Begriffe sammelte sich Zustimmung anderer Passanten. „Das mach ich auch“, „Stimmt“, „Oh ja“. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und Körperlichkeit wäre wohl kaum zur Sprache gekommen, wenn sich Angesicht zu Angesicht darüber unterhalten worden wäre.

Im Laufe der Planung wurde uns bewusst, dass der Konflikt zwischen Ich und Wir nicht ohne die Kategorie des „Ihr“ zu denken ist. Im Dazugehören liegt auch immer ein Abgrenzen. Doch von wem oder was grenzen wir uns­ – bewusst oder unbewusst – ab? Welche Menschengruppen stecken wir in eine Schublade, ohne genaueres Wissen über sie zu haben? Und ändert sich das, wenn wir mehr über die Gruppe erfahren? Mit einer Virtual Reality Brille bekamen die Passanten einen Einblick in das tägliche Leben im jordanischen Flüchtlingscamps Zaatari. Ein radikaler Perspektivenwechsel und eine Annäherung an einen Ort, über den man wenig weiß. „Weißt du, dass es Länder gibt, in denen die Menschen fliehen müssen, weil Krieg herrscht?“, frage ich den Jungen mit Eis. Ja, seit letzter Woche sei in seiner Klasse ein syrisches Mädchen. Als er durch die Virtual Reality Brille schaut stellt er fest: „Die spielen Fußball wie wir in der Schule. Aber die T-Shirts sind dreckiger und überall ist Sand.“ Ein anderer Passant meint: „Ich hab noch nie darüber nachgedacht, wie das Leben in einem Flüchtlingscamp wohl ist.“ Die Grenzen zwischen Ihr und Wir können nur durch Kommunikation abgebaut werden.

 

Der Raumfänger hat es geschafft, dass fremde und diverse Individuen immer wieder für einen kurzen Moment zu einem Wir geworden sind. Sei es direkt, wenn sich gemeinsam darüber unterhalten wurde, was wichtige Teile der Identität sind oder indirekt in der „Insel des innersten Ichs“. Möglich war das nur durch das rege Interesse der Passanten. Danke für den bereichernden Nachmittag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.